Aus unserer täglichen Praxis in der Besetzung ärztlicher Führungspositionen beobachten wir einen Trend, der sich vor allem in psychiatrischen und psychosomatischen Fachbereichen zeigt: Qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten lehnen Chefarztpositionen zunehmend nicht wegen Klinik, Standort oder Gehalt ab, sondern wegen der Rolle selbst.
Der Hauptgrund ist die umfassende Gesamtverantwortung. Neben der medizinischen Leitung tragen Chefärztinnen und Chefärzte Verantwortung für Wirtschaftlichkeit, Personal, Budget, Belegung, Qualität und externe Prüfungen. Viele erfahrene Oberärztinnen und Oberärzte empfinden dieses Gesamtpaket insbesondere in strukturell und regulatorisch anspruchsvollen Fachbereichen als unverhältnismäßig.
Hinzu kommt die hohe Bürokratiebelastung. Dokumentation, Berichtswesen und administrative Abstimmungen nehmen einen großen Teil der Arbeitszeit ein. Die Chefarztrolle wird daher oft eher als Management- denn als ärztliche Führungsfunktion wahrgenommen.
Studien bestätigen diesen Eindruck: Nur noch rund 14 % der Oberärztinnen und Oberärzte sehen die Chefarztposition als attraktives Karriereziel. Hauptgründe sind administrative Überlastung, wirtschaftlicher Druck und der Verlust des medizinischen Fokus.
Parallel haben sich die Erwartungen verändert: Planbarkeit, medizinische Tätigkeit und begrenzte Verantwortung werden häufig höher bewertet als Status. Alternative Modelle ohne volle wirtschaftliche Gesamtverantwortung gewinnen an Attraktivität.
Fazit:
Die Ablehnung von Chefarztpositionen ist Ausdruck eines strukturellen Wandels. Entscheidend ist nicht die Motivation der Kandidatinnen und Kandidaten, sondern die Ausgestaltung der Chefarztrolle. Kliniken müssen Führungsmodelle neu denken, um Chefarztpositionen weiterhin erfolgreich zu besetzen.
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